19. Juli 2016

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ von Harper Lee


Hallo, liebe Bücherwürmer!

Als ich das erste Buch der Autorin, Wer die Nachtigall stört…, gelesen habe, war mir sofort klar, dass ich auch diesen Band lesen muss. Nicht nur, weil es eine Fortsetzung ist, und vor dem anderen Roman spielt, sondern vor allem weil ich noch einmal den wunderbaren Schreibstil der Autorin erleben wollte.


Der bedeutungsvolle Inhalt

Jean Louise Finch ist erwachsen geworden und lebt in New York, einer turbulenten Stadt. Jedes Jahr besucht sie ihren Vater in ihrer Heimatstadt Maycomb, Alabama, und verbringt ein paar Wochen im Sommer bei ihrer Familie. Doch es scheint sich etwas verändert zu haben. Jean Louise entdeckt plötzlich ungeahnte Seiten an den Menschen, die ihr am nächsten stehen und ihr Vater, Atticus, stellt ihr Weltbild vollkommen auf den Kopf. Bisher sah sie in ihm immer ein Vorbild, der sich für alle Menschen einsetzt, auch für Andersfarbige. Noch gut kann sie sich an den Prozess erinnern, bei dem ihr Vater einen schwarzen Landarbeiter verteidigt hat, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. Doch nun scheint einiges anders zu sein. Die Schere zwischen Arm und Reich und zwischen Schwarz und Weiß geht noch weiter auseinander und Jean Louise erkennt ihren Vater nicht mehr wieder. Sie muss lernen, sich von der Vergangenheit zu verabschieden und ihr eigenes Leben aufzubauen, unabhängig von ihrem Vater.


Meine Meinung

„Die Insel eines jeden Menschen, Jean Louise, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ – S. 299/300

Der Titel des Buches hat mich gleich nachdenklich gemacht, denn ich konnte damit nichts anfangen. Was soll der Wächter? Und wieso sollen ich ihn aufstellen? Ich wollte natürlich, dass der Titel in dem Buch erklärt wird, denn sonst wäre ich wirklich enttäuscht gewesen. Aber insgeheim wusste ich, dass ich mir keine Sorgen machen musste. Er wurde erklärt. Gehe hin, stelle einen Wächter (auf Englisch: Go Set a Watchman) ist ein Bibelvers, der auch in dem Roman vorkommt. Das obige Zitat erklärt meiner Meinung nach sehr gut, was der Wächter ist: das Gewissen. Demnach geht es darum, ein eigenes Gewissen zu entwickeln, sich auf sich selbst zu beziehen und sich dabei nicht von anderen einschränken zu lassen, deswegen auch das kollektive Gewissen, welches es nicht gibt.

Gehe hin, stelle einen Wächter erzählt genau diese Geschichte. Die 26-jährige Protagonistin Jean Louise kehrt nach Maycomb zurück und stellt fest, dass ihr Vater anders denkt. Damit kommt sie nicht zurecht, denn bei allen Fragen, auf die sie eine Antwort suchte, hat sie immer an ihren Vater gedacht und wie er darauf antworten und handeln würde. Sie hat Atticus zu ihrem Gewissen und Wächter gemacht und dabei nicht auf sich geachtet. Nun, da Schwarz und Weiß nicht mehr zusammen agieren und leben, weiß Jean Louise nicht, wie sie damit umgehen soll und sie tut das einzige, was sie schon immer getan hat. Sie rennt weg. Nur Onkel Jack kann ihr jetzt zeigen, was sie falsch gemacht hat und wie sie damit leben kann.

„Liebe ist das Einzige auf dieser Welt, das unzweideutig ist. Es gibt unterschiedliche Arten von Liebe, gewiss, aber bei allen gilt die Wahl zwischen Du liebst oder Du liebst nicht.“ – S. 22/23

Dieser Roman ist eine Fortsetzung des Weltbestsellers Wer die Nachtigall stört…. Als aufrüttelnde Vorlage gegen Rassismus und für Zivilcourage stellt der zweite Teil nun einen gewissen Gegensatz dar. Die Protagonistin ist erwachsen geworden und muss sich nun auch so verhalten. Sie muss sich von ihrem Vater emanzipieren, unabhängig werden, um sich selbst zu finden. Vorrangig geht es um Jean Louise und nicht mehr um die Geschichte der Gesellschaft, um die tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüche.

Der auktoriale Erzähler berichtet uns aus seiner Sicht die Geschehnisse und lässt dabei deutlich die Gefühle der Hauptpersonen herausstechen. Trotzdem geht dies mit einer unausgesprochenen Sachlichkeit einher, die mir bereits im ersten Teil aufgefallen ist. Ich habe die gesamte Geschichte über das Gefühl gehabt, dabei zu sein, nicht als eine bestimmte Person, sondern als stiller Begleiter neben der Protagonistin herzulaufen. Auch als eine Art Zeitdokument wird die Geschichte lebendig und Harper Lee berichtet gefühlvoll und mit großer Leidenschaft den schmerzvollen Prozess der Emanzipation Jean Louises gegenüber ihrem Vater.

„Es ist immer leicht, zurückzuschauen und zu sehen, was wir waren, gestern, vor zehn Jahren. Es ist schwer, zu sehen, was wir sind.“ – S. 304

Der Schreibstil ist überwältigend und brennt sich förmlich in das Herz ein. Packend erzählt Lee mit sogenannten Flashbacks die Geschichte der Jean Louise und begeistert mich damit aufs Neue. Intelligenz und Leidenschaft lassen den Roman hervorstechen und machen ihn zu einem grandiosen Buch, welches den Leser mitzieht. Jeder Satz schwingt vor Herrlichkeit und Wortgewalt und die Autorin versteht es, den Leser mitten im Herzen zu treffen.


Kurz und knapp

Wenn ihr vom ersten Buch der Autorin ebenso begeistert wart wie ich, dann solltet ihr Gehe hin, stelle einen Wächter unbedingt lesen. Die Idee ist fantastisch, die Handlung wird perfekt weitergeführt und die Charaktere sind wie im ersten Bestseller wunderbar und einzigartig. Der Schreibstil ist sachlich, aber betont und vor allem packend und hat mich von Beginn an gefesselt.

6 Lesezeichen


Bibliographische Angaben

Gehe hin, stelle einen Wächter
Go Set a Watchman
Harper Lee
DVA Verlag
Roman
314 Seiten

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