12. Mai 2016

Rezension: „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce


Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry | Rachel Joyce | Fischer Verlag | 378 Seiten | Roman

Mit „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ konnte mich die Autorin bereits begeistern und daher hatte ich hohe Erwartungen an diese Geschichte, die ebenfalls angepriesen wurde als der unvergessliche Roman, der die ganze Welt erobert hat.

Alles beginnt mit einem Brief von Queenie Hennessy, der in Berwick upon Tweed abgestempelt und in Kingsbridge, bei Harold Fry ankommt. Darin berichtet sie ihm, dass sie an Krebs leidet und diesen Brief schreibt, um sich von ihm zu verabschieden. Vor vielen Jahren haben die beiden zusammen in einer Brauerei gearbeitet, doch als Harold eingebrochen ist, hat Queenie die Schuld auf sich genommen, wurde gekündigt und seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen. Harold ist überrascht und überwältigt. Um sein Beileid zu bekunden, schreibt er ihr einen Brief zurück, mehr schlecht als recht. Auf dem Weg zum Briefkasten jedoch geschieht das etwas, dass Harold sich nicht erklären kann: Er beschließt, den Weg von Südengland bis an die schottische Grenze zu Fuß zu gehen und Queenie so zu besuchen. In einer kurzen Erklärung berichtet er ihr von seiner Idee. Insgesamt 1009 Kilometer legt er in 87 Tagen zurück. Er geht und geht und geht. Er hört den Menschen zu, die ihm über den Weg laufen, akzeptiert sie, wie sie sind und läuft weiter und weiter und weiter. Ungewollt wird er zum Objekt aller Medien und Zeitungen, doch Harold möchte nur eines: ankommen und Queenie Hennessy in die Arme nehmen. Doch als er dort ankommt, läuft gar nichts so, wie er es sich gewünscht hat.

Der Klappentext verspricht nicht sonderlich viel: Eine Reise fürs Leben, eine Geschichte über Tapferkeit und Geheimnisse, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe. Mir war bewusst, dass mich hier eine komplett andere Geschichte erwartete, als in dem Roman der Autorin, den ich zuvor gelesen habe. In diesem Buch geht es um eine Pilgerreise eines älteren Mannes, dem sein Leben über den Kopf gewachsen ist und den nichts mehr hält. Also macht er sich auf den Weg, mehr als 1000 km hinter sich zu legen. Doch natürlich wird das alles andere als einfach. Zunächst kommt er in Hotels unter oder in Pensionen, doch als ihm bewusst wird, dass er mit dem Geld niemals bis nach Berwick upon Tweed kommt, entscheidet er, alles, was er nicht unbedingt braucht, an seine Frau zu schicken und so weiterzuziehen.

„Jetzt aber, wo er draußen und auf den Beinen war, explodierte, wohin er auch blickte, in Feldern, Gärten und Hecken das Grün.“ – Seite 53

Das Verhältnis zwischen Harold und seiner Frau Maureen ist nicht besonders gut. Vor vielen Jahren haben sie sich auseinander gelebt. Ihr Sohn David war ein großes Glück, doch Harold hatte Angst, ihn zu berühren, etwas falsch zu machen. Immer wieder hat Maureen ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Irgendwann hat auch das aufgehört und wie zwei Fremde sind sie sich in ihrem Haus aus dem Weg gegangen und haben kaum noch miteinander geredet. Ihre Ehe entwickelte sich zum Selbstläufer und beide haben gemerkt, dass sie nichts mehr miteinander verbindet. Als Harold zum Briefkasten geht und sich dann dazu entscheidet, noch viele Kilometer mehr zu gehen, wird den beiden bewusst, wie sehr sie einander vermissen. Sie merken, dass sie beide Fehler gemacht haben, doch anstatt miteinander zu sprechen haben sie geschwiegen und alles verdrängt. Maureen fühlt sich plötzlich unglaublich einsam und auch Harold ruft sie regelmäßig an, bloß um ihre Stimme zu hören.
Im Laufe des Buches habe ich immer mehr gehofft, dass sich dieses Verhältnis verändern wird, wenn Harold am Ziel seiner Reise angekommen ist, denn obwohl die Geschichte traurig und einsam beginnt, habe ich gemerkt, wie sich das Paar wieder näher kommt, was mich unglaublich glücklich gemacht hat. Viele Ehen gehen zu Bruch, weil die Partner nicht miteinander reden und auch hier steht eine Trennung kurz bevor, doch auf seiner Reise merkt Harold, was er alles hat und dass er nur bereit sein muss, dafür zu kämpfen.

„Er wusste nicht, wie es hatte geschehen können, dass die von ihm ins Leben gerufene Unternehmung zum Selbstläufer wurde und ihm nun aus den Händen glitt.“ – Seite 302

Die lange Reise zieht sich durch das gesamte Buch und macht die Geschichte teilweise etwas langatmig und eintönig, was ich sehr schade finde. Der Protagonist motiviert sich immer wieder neu, den langen Weg zu meistern, doch je näher er dem Ende kommt, desto schwieriger wird es für ihn und auch für mich wurde es schwieriger, in die Geschichte hineinzukommen, da einem plötzlich vor Augen geführt wurde, wie leichtsinnig diese Unternehmung eigentlich ist.

Durch eine Karte im Buch konnte ich die Route verfolgen, die Harold Fry genommen hat und als Leser kann man erkennen, wie weit er vorankommt. Diesen Schritt zu wagen, braucht Mut, doch vor allem einen Antrieb und den hat der Protagonist in seiner Freundin Queenie gesehen.

Gefühlvoll, traurig, aber auch romantisch erzählt die Autorin eine Geschichte, über das Leben. Selbst wenn es noch so trostlos erscheint, sollte man nicht davor zurückschrecken, etwas außergewöhnliches zu unternehmen und somit sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich selber tue mich sehr schwer mit Büchern über das Leben. Ich bin zwar gut eingestiegen, doch immer wieder bin ich rausgekommen. Einige Textstellen haben mich selber erschüttert und mir die Lust am Lesen genommen.

Auch wenn mir ein paar Dinge nicht gefallen haben, so hat mich doch das Ende überrascht und vor allem überzeugt. „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ hat in mir viele Gefühle geweckt und mir genau das Ende gegeben, was ich mir für Harold und Maureen gewünscht habe, auch wenn der Teil mit Queenie Hennessy ganz und gar nicht so verlief, wie ich es erwartet habe.

4 Lesezeichen

Kommentare:

Emmily

Liebe Marie,

das Buch klingt wirklich interessant. Ich würde auch gerne erfahren, wie es zwischen den beiden ausgegangen ist.
Ein bisschen erinntert mich das Buch an "Forrest Gump", da dieser ja auch ewig läuft, und an "Das Seil" von Stefan aus dem Siepen, wo die Dorfbewohner immer weiter und weiter gehen um ihr Ziel zu erreichen.
Wie es wohl zwischen Harold und Maureen ausgegangen wäre, wenn er nicht zu ihr gegangen wäre, sondern nur den Brief verschickt hätte?

Liebste Grüße
Emm

Emmily

Das Bild, was du von dem Buch gemacht hast ist übrigens sehr hübsch <3

Marie

Liebe Emm,

sehr gerne würde ich dir verraten, was nach dem Ende des Buches passiert oder wie es ausgegangen wäre, wenn Harold nicht zu Maureen zurückgekehrt wäre, doch dies auf meinem Blog zu schreiben, wäre aufgrund des Spoilers nicht sehr sinnvoll. Gerne kannst du mir allerdings eine E-Mail schreiben (die Adresse findest du auf der Seite „Kontakt“), in der ich dir dann seine Fragen beantworten kann. Ich danke dir für deine lieben Worte. Es ist tatsächlich so, dass das Buch ein bisschen an „Forrest Gump“ erinnert. Daran habe ich auch gedacht, wobei es bei „Forrest Gump“ natürlich vordergründig um ein anderes Ziel geht als in „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“.

Liebe Grüße, Marie

PS. Es wird dich freuen, dass ich nun „Die Welt, wie wir sie kannten“ von Susan Beth Pfeffer lesen werde, welches ich von dir bekommen habe. Danke!

Emmily

Mach ich gern :)

Das ist wirklich schön, dass du das Buch jetzt liest. Auf die Rezi bin ich auch sehr gespannt.

Liebste Grüße
Deine Emm

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