29. November 2015

Rezension: „Wer die Nachtigall stört...“ von Harper Lee


Wer die Nachtigall stört...
Harper Lee
Rowohlt Verlag
446 Seiten
Roman
19,95 €

Bevor ich zu diesem Buch gegriffen habe, wollte ich mich für ein anderes Buch von der gleichen Autorin entscheiden. Da ich beide noch nicht kannte, dachte ich, sei es egal, welches ich mir zu erst kaufen würde und entschied mich für „Wer die Nachtigall stört...“. Der Klappentext sagte mir zu. Den Titel hielt ich zunächst für ungewöhnlich und doch habe ich mir diesen Roman gekauft.

Inhalt
Die Geschwister Jem und Scout Finch wachsen in Maycomb, Alabama, auf und durchleben eine sehr turbulente Kindheit. Erzogen werden sie von ihrem Vater Atticus, ein Rechtsanwalt, der die Verteidigung eines schwarzen Landarbeiters übernimmt, und dabei nicht nur auf Verständnis stößt. Der schwarze Landarbeiter, Tom Robinson, soll ein weißes Mädchen vergewaltigt haben und nun soll ihm der Prozess gemacht werden. Atticus allerdings plädiert auf seine Unschuld und hat dafür auch Beweise, doch durch die alte Gesellschaft des Südens ziehen sich tiefe Risse: zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich. Atticus kommt nicht gegen das Gericht an, obwohl alle Beweise dafür sprechen, dass Tom unschuldig ist.
Jem und Scout erleben unterdessen so einiges. Gemeinsam mit ihrem Freund Dill denken sie sich spannende Spiele aus und unternehmen allen möglichen Unsinn. Eines Tages kommen sie auf die Idee, ihren Nachbarn, Boo Radley, aufzuspüren, der noch nie das Haus verlassen zu haben scheint. Die drei wollen ihn unbedingt einmal zu Gesicht bekommen. Die Geschwister stehen voll und ganz hinter ihrem Vater. Scout muss erfahren, dass die Welt viel komplizierter ist, als sie bisher angenommen hat. Dennoch versucht sie, die Gerechtigkeitsideale ihres Vaters ebenso zu befolgen, wie er selbst und gerät dabei selber in Gefahr, als sie eines Nachts mit ihrem Bruder von einem Schulauftritt auf dem Weg nach Hausse ist...

Gedanken

„Atticus hatte recht. Er hatte einmal gesagt, man kenne einen anderen Menschen erst dann, wenn man in seine Haut schlüpfte und eine Weile darin herumginge.“ – S.444

Dieses Zitat spiegelt wieder, was die Autorin, Harper Lee, in ihrem Roman „Wer die Nachtigall stört...“, bewirken möchte, nämlich dass man sich ins Bewusstsein ruft, dass immer und überall die Notwendigkeit besteht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Wenn mich jemand fragen würde, welches meiner Bücher die Macht zur Veränderung habe, dann würde ich ihn nun auf diese Lektüre verweisen und das aus vielerlei Hinsicht. Einerseits, weil die Geschichte eine aufrüttelnde Vorlage gegen Rassismus und für Zivilcourage ist und andererseits, weil es selbst innerhalb der Geschichte um die Veränderung geht. Atticus durchfechtet einen einsamen Kampf gegen das Rechtssystem der damaligen Gesellschaft als Anwalt eines schwarzen Landarbeiters. Vor Gericht wird im bewusst, dass der einzige Funke Hoffnung darin besteht, dass die Geschworenen mehrere Stunden brauchen, um das Urteil zu fällen. Veränderung geschieht nicht von jetzt auf gleich.

Lee schreibt ungekünstelt, wie sich das Leben der kleinen Scout verändert, die gleichzeitig die Ich-Erzählerin der Geschichte ist. Wie verändern sich die Erwachsenen? Wie verhalten sie sich? Wieso verstellen sie sich oftmals, wenn Besuch da ist? Wieso verändert sich ihr Bruder Jem? Wird sie sich auch verändern? Muss sie das? Diese Fragen quälen Scout immer öfter und doch merkt sie, dass ihr noch Zeit bleibt, ein Kind zu sein und ihre Kindheit auszuleben.
Das Verhältnis vom Vater zu seinen Kindern ist zu dieser Zeit außergewöhnlich, denn er behandelt sie bereits wie Erwachsene und spricht sie oft auch so an. Scout und Jem nennen ihren Vater beim Vornamen und treten ihm so gleichgestellt gegenüber. Trotzdem lernen sie Respekt und Anstand.

Ich habe die Protagonisten und auch die Umgebung, das kleine, verschlafene Örtchen Maycomb, sehr gut kennen gelernt, denn die Autorin beschreibt sachlich und doch sehr anschaulich, wie es damals zuging und in welcher Umgebung das Geschehen spielt. Von Beginn an habe ich mich in der Geschichte wohl gefühlt und hatte sogleich das Bedürfnis, Scout bei der Hand zu nehmen und mit ihr durch ihr Leben zu wandern und zu schauen, was geschieht. Genau das macht das Buch so unglaublich lebendig. Es ist nicht etwa eine trockene Handlung, sondern die Geschichte der kleinen Scout und die ihrer ersten Lebensjahre. Alle Protagonisten sind wunderbar in die Handlung eingeschlossen und machen das Buch zu einem Gesamtkunstwerk, einem Klassiker meiner Meinung nach, der in Amerika bereits als Schullektüre Pflicht ist. Mit einem Hauch Witz hat mich die Autorin sprachlos gemacht und dennoch weiß ich, wie bei keinem anderen Buch in letzter Zeit, die richtigen Worte zu finden.

Ich bin so glücklich, dass Buch gelesen zu haben und möchte es euch unbedingt ans Herz legen. Die Geschichte ist wundervoll und sowohl Handlung als auch Charaktere passen sehr gut zusammen.
Womöglich ist dieses Buch mein Highlight des Jahres!

Hier kann ich gar nicht anders: 6 Lesezeichen!

Eure Marie

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