26. April 2015

[Rezi] »Einfach unvergesslich« von Rowan Coleman


Titel: Einfach unvergesslich
Autorin: Rowan Coleman
Verlag: Piper
Seitenzahl: 410
ISBN: 978-3-492-06001-1
Preis: 14,99 €
Bewertung: 6 Lesezeichen

Beginn:
»Greg sieht mich an und glaubt, dass ich es nicht merke. Seit fast fünf Minuten schneide ich Zwiebeln und sehe sein Spiegelbild – auf dem Kopf, konvex und gestreckt – in dem blanken Chromkessel, den wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Er sitzt am Küchentisch und beobachtet mich.«
Inhalt:
Claire hat Alzheimer, und zwar frühmanifestierten Alzheimer. Sie ist mit ihren vierzig Jahren noch viel zu früh dran, aber dennoch wurde die Krankheit von ihrem Vater vererbt, der daran bereits gestorben ist, als Claire gerade einmal dreizehn Jahre alt war. Aber sie steht mitten im Leben. Sie hat zwei wunderbare Töchter, Caitlin und Esther, und einen tollen Ehemann, Greg, der sich um alle rührend kümmert. Außerdem hat sie einen Job, der ihr gefällt und ihr Spaß macht. Doch dann kommt die Diagnose. Und die Auswirkungen schreiten schneller voran, als gedacht. Claire ist bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium und vergisst so gut wie alles. Ohne ihre Mutter, die gleich nach der Diagnose bei ihr eingezogen ist, darf sie nichts mehr machen. Nicht raus, nicht einkaufen. Claire findet sich draußen nicht mehr zurecht und verläuft sich, aber sie kann nicht ab jetzt und für immer im Haus leben. Sie muss raus, in den Garten, vor die Tür. Alle geben sich große Mühe, mit der Situation klar zu kommen, aber immer wieder passieren unvorhergesehene Dinge. Claire reißt ständig aus – wie ein Kleinkind – und alle machen sich Sorgen. Caitlin ist sich bewusst, dass sie ab jetzt für ihre kleine Schwester und ihre Familie da sein muss, aber wie soll das funktionieren. Sie ist selbst schwanger und traut sich nicht, es ihrer Mutter zu sagen aus Angst, dass alles nur noch komplizierter wird. Und plötzlich soll sie ihren Vater kennen lernen, den sie noch nie gesehen hat und der, so Claire, nichts von ihr weiß. Die Familie droht zu zerbrechen, denn auch Greg kämpft mit sich. Er ist der erste, der bei Claire in Vergessenheit gerät und damit hat er nicht gerechnet. Er schenkt seiner Frau ein Buch, in das sie alle Erinnerungen hineinschreiben kann, aber sie findet, dass dieses Buch für alle aus der Familie da sein soll und so schreibt jeder Beiträge hinein. Claire weiß, wie es um sie steht und möchte ihre Familie beschützen. Sie in guten Händen wissen. Sie möchte nicht sterben, denn immer hat sie in ihrem Leben gekämpft. Das tut sie auch jetzt, aber es ist der einzige Kampf, bei dem sie bereits weiß, dass sie ihn nicht gewinnen kann…

Meine Meinung:

Das Buch »Einfach unvergesslich« habe ich mir beim Bücherwichteln gewünscht und auch bekommen. Die Geschichte klang sehr interessant und ich hatte eine Rezension gelesen, die mir gefallen hat. Vor ein paar Tagen dann habe ich die Lektüre zu lesen begonnen. Ich war mir nicht sicher, ob mir das Buch nun gefallen würde, aber ich ging das Wagnis ein und bin froh es getan zu haben. Der Roman handelt von einer Frau, Claire, die früh an Alzheimer erkrankt ist, wie auch ihr Vater vor ihr. Sie hat zwei Töchter, Caitlin und Esther, und einen Ehemann, Greg. Die Anzeichen für ihre Krankheit, haben sich lange vor der Diagnose gezeigt, aber sie wollte es nicht wahr haben und hat sich deshalb vor einem Arztbesuch gedrückt. Dann allerdings musste Klarheit in ihr Leben kommen und das Schicksal schlug zu. Claire vergaß so gut wie alles. Welcher Schuh gehört zu welchem Fuß? Wie heißt das orangefarbene Gemüse? Wie bedient man die Pedale im Auto? Wer ist der Mann, der in ihrem Haus ein und aus geht? Manchmal findet sie die Antworten wieder, aber manchmal sind sie auch für immer weg. Ihre Familie versucht, so gut es geht mit der Situation klar zu kommen, aber so einfach ist das nicht. Jeder hat eigene Probleme, aber sie versuchen dennoch, alles zu meistern. Damit sich Claire nicht ganz aufgibt, hat Greg die Idee, ihr ein Buch zu schenken, in das sie alle großen und kleinen Erinnerungen eintragen oder einkleben kann. Und es hilft ihr, auch wenn sie bald schon nicht mehr lesen oder schreiben kann.

» ›Das Geheimnis‹, sagte er und nahm meine Hand. ›Das Geheimnis besteht darin, zu wissen, wann man aufhören sollte. Und ich finde, jetzt ist es Zeit aufzuhören.‹ Und als hätte er die Anweisung dazu gegeben – und daran glaubte ich damals, mit sechs, ganz fest –, rollte eine Welle heran und füllte den Burggraben mit Wasser.« – S.292f.

Das Thema Alzheimer und Demenz ist schwer zu begreifen und das habe ich in dem Buch gespührt. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Autorin sehr wohl weiß und versteht, was sie schreibt. Das Problem Demenz habe auch ich in meiner Familie und vor allem deswegen hat mich diese Geschichte unendlich berührt. Coleman schreibt ruhig und in einem tollen Stil. Sofort konnte ich mich in Claire hineinversetzen und ihre Gedanken verfolgen. Es ist schrecklich zu sehen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses verändert und was die Betroffenen vergessen. In diesem Buch bekommt der Leser einen Eindruck davon. Die Autorin hat es geschafft, die Gedanken des Lesers anzuregen, dass sie sich über die Krankheit Gedanken machen, es andererseits aber nicht zu sehr belastet. Es gibt humorvolle Textstellen, wo man lachen kann und Textstellen, die traurig sind, in denen es im den Ernst der Lage geht.

Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Vor allem bei Caitlin und Claire bekommen wir einen sehr genauen Eindruck in die Gedanken- und Gefühlswelt. Die Einträge in das Erinnerungsbuch werden vor jedem Kapitel kursiv dargestellt und es macht Spaß, diese durchzulesen. Erinnerungen schaffen neue Welten und das ist auch hier so. Durch diese Stellen liegt der Fokus nicht die ganze Zeit auf der Krankheit und wird zwischendurch aufgelockert. So schafft man es, der Handlung sehr gut zu folgen und sich ein genaues Bild der Lebensumstände zu machen. Alle Familienmitglieder schreiben in das Erinnerungsbuch hinein und von jedem kann man ein paar Einträge lesen. Die Einblicke – auch teilweise in die Vergangenheit von Claire oder ihrer Mutter – zeigen vor allem die schönen Seiten des Lebens und die Dinge, für die Claire gekämpft hat.

Das Cover finde ich sehr schön und mit den orangenen Punkten total auffällig. Die Marienkäfer findet man auf einzelnen Seiten wieder und schaffen eine Verbundenheit. Geschichte und Cover passen sehr gut zusammen.

»Einfach unvergesslich« ist ein toller Roman. Es gibt Stellen, an denen ich schmunzeln musste, denn dadurch, dass sie vieles vergisst, ist sie in einigen Momenten genau auf Esthers Höhe und veranstaltet mit ihr sehr viel Blödsinn. Dann wiederrum gibt es Passagen, in denen ich mich wirklich zusammenreißen musste, um nicht loszuweinen, denn zum Ende des Buches werden die freien Augenblicke, in denen Claire frei von ihrer Krankheit ist, immer seltener und dadurch umso wertvoller. Das hat mich einige Male zum Weinen gebracht. Das Ende ist offen und in diesem Fall finde ich es sehr gut, denn ich glaube ein trauriges Ende, hätte ich nicht vertragen. In diesem Fall möchte ich mir den Fortgang der Geschichte selber vorstellen und die Charaktere selber weiterdenken. Hier ist der Autorin etwas sehr wundervolles gelungen.

Résumé:

Eine wunderschöne Geschichte, die zugleich lustig und traurig ist. Rowan Coleman schreibt über ein schwieriges Thema und schafft es, mich in den Bann der Geschichte zu ziehen. Es ist eine Lebensgeschichte, die ich bestimmt noch öfter lesen werde und nur empfehlen kann. 6 Lesezeichen!

Marie

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