19. Juni 2014

[Rezi] Der Bilderwächter – Monika Feth

Titel: Der Bilderwächter
Autorin: Monika Feth
Verlag: cbt
Erscheinungsjahr: Dezember 2013
Genre: Thriller
Band: Teil VI
ISBN: 978-3-570-30852-3
Lesevergnügen: 478 Seiten
Preis: 10,99€
Einband: Taschenbuch
Bewertung: 4 Lesezeichen

Erster Satz:
"Der Postbote schwenkte den Brief schon von Weitem."

Inhalt:
Zwei Jahre sind vergangen, seit Ilka von ihrem Bruder Ruben entführt wurde. Seitdem hat sie eine Therapie angefangen und geht nun auf die Kunstakademie in Düsseldorf. Ihre Freunde Jette, Merle, Mike und Mina stehen hinter ihr. Trotzdem flieht sie immer wieder. Hauptsächlich vor sich selbst. Zwei Jahre sind vergangen, seit Ruben tot ist. Ilka hat sein Erbe, dass nur aus seinen unzähligen Bildern besteht nicht angerührt, so wie Ruben es in seinem Testament verfügt hat. Aber nun sind die zwei Jahre Schonfrist um. Ilka muss sich seinen Bildern stellen. Der Nachlassverwalter Thorsten Uhland möchte sie an die Öffentlichkeit bringen, doch das würde einschlagen wie eine Bombe. Jedermann würde sich um die Bilder reißen und Journalisten und Reporter würden ihrer Vergangenheit auf den Grund gehen und alles, was sie vergessen wollte, wieder an die Oberfläche bringen. Ilka braucht Zeit, doch genau die hat sie nicht. Rubens Nachlassverwalter setzt alles daran, die Bilder groß herauszubringen und denkt dabei vor allem an sich selbst. Jeder kennt Rubens Bilder und alle wollen sie haben. Dann geschieht der erste Mord. Die Polizei unter der Leitung von Bert Melzig ermittelt und wieder stehen die Freunde mit auf der Liste der Verdächtigen. Sie wissen, dass sie wieder einmal in eine Sache hineinrutschen, die sie betrifft. Sie scheinen das Unglück magisch anzuziehen. Der zweite Mord bringt noch mehr Aufsehen. Beide Opfer standen in Kontakt mit Ruben Helmbach. Dann verschwindet Ilka spurlos und Jette, Merle und Mike setzen alles daran, sie zu finden. Doch schon bald könnte es dafür zu spät sein.

Meine Meinung:
"Der Bilderwächter" ist der sechste Band der Reihe um Jette, Merle und die anderen. Trotzdem unterscheidet er sich etwas von den vorherigen Teilen, denn hier treffen wir zum ersten Mal nicht auf Jettes Mutter und deren Freund Tilo. So richtig aufgefallen ist mir das erst am Ende des Buches. Außerdem sind die Freunde in diesem Buch nicht wirklich betroffen. Es geht zwar um Rubens Erbe, allerdings geschehen die Morde außerhalb des "Gesichtsfeldes" von Jette, Merle und Mike. Alleine Ilka wird von der gesamten Situation stark eingespannt. Sie ist es auch, die die gesamten Zusammenhänge begreift. Dieser Thriller dreht sich nicht hauptsächlich um die Verbrechen, die Morde, sondern eher um die Gefühls- und Gedankenwelt Ilkas. In Band II, "Der Mädchenmaler", haben wir erfahren, was in ihrer Vergangenheit passiert ist. Das alles wird in diesem Teil der Reihe noch einmal aufgewirbelt und zu Ende gebracht. Recht wenig geht es um die WG, in der die Freunde zusammen leben. Jettes und Merles Ermittlungen stehen dieses Mal nicht im Vordergrund, was ich allerdings vermisst habe. Ilka ist hier die treibende Kraft. Das ist nicht unbedingt schlecht, doch im Gegensatz zu den vorherigen Bänden kam das unerwartet.
"Sie hatte keinen Schirm bei sich und die Luft wurde düster und schwer. Ein Blitz zuckte über den Himmel. Donner krachte. Und dann regnete es Wörter. Jedes dieser Wörter war wie ein Hagelkorn, manche groß wie Hühnereier. [...] Als die Sonne durch die Wolken brach und Wind die Wolken vertrieb, schmolzen die Wörter auf dem dampfenden Asphalt. Ein einziges war heil geblieben und glitzerte im Sonnenlicht. Es bestand aus drei Buchstaben. TOD." – S. 7f.
Bereits ab den ersten Seiten wird dem Leser bewusst, dass das Buch, geschrieben von der Autorin Monika Feth, nur so strotzt von der Gewalt der Wörter, mit der sie spielt. Sie scheint die Sätze mit einer Leichtigkeit auf das Papier zu bringen und doch sind sie in Wirklichkeit bleischwer. Tod und Verfall sind in "Der Bilderwächter" allgegenwärtig. Immer und immer wieder werden wir damit konfrontiert.

Die Erzählperspektiven sind grundlegend gleich geblieben. Wir blicken in die Gedanken der einzelnen Charaktere, egal ob Opfer oder Täter oder auch Außenstehender. Wir erfahren ihre Gefühle zu den jeweils anderen Mitmenschen und schöpfen daraus Motive, nicht nur für den Charakter der Personen, sondern auch für die Morde. Anders ist außerdem, dass wir als Leser die Wahrheit über die Morde nicht kennen. Wir erfahren sie zeitgleich mit den Protagonisten. In den Teilen davor blickten wir bereits vorher in die Gedanken der Täter und konnten so die Gründe für die Taten herausfinden. Das ist hier nicht der Fall. Wir können nur Vermutungen anstellen, die uns jedoch nicht wirklich weiterbringen.
"Aber es war falsch gewesen, falsch, falsch, falsch, und niemals konnte aus etwas Falschem das Richtige werden. Nie." – S. 157
Diese Passage liegt Ilkas Gedanken zugrunde. Sie ist die Person, um die sich alles dreht, sie ist der Dreh- und Angelpunkt in dieser Geschichte. Alles andere hat eher eine untergeordnete Rolle. Selbst Jette, Merle und Mike werden davon in den Schatten gestellt. Das finde ich etwas schade. Die Freunde gehören zwar dazu, kommen auch in der Handlung immer mal wieder vor, doch grundsätzlich bewegen sie sich eher im Hintergrund. Erst später geht die Autorin mehr auf sie ein, als sie wieder mal auf eigene Faust ermitteln. Sie weihen den Kommissar nicht ein, wie wir es von ihnen gewohnt sind, sondern versuchen, durch eigene Ermittlungen Ilka zu finden und sie zu retten. Dies geschieht in den letzten Kapiteln. Von Anfang an wird die Spannung aufgebaut. Von Kapitel zu Kapitel etwas mehr. Immer in kleinen Schritten. Dem Leser ist es, während er das Buch liest, nicht so bewusst, doch am Ende erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Alles braut sich zusammen und ergießt sich über das Buch. Danach macht sich Erleichterung breit. Den richtigen Punkt zu erreichen, die Bombe platzen zu lassen, ist nicht so leicht zu finden, doch Monika Feth hat es mal wieder geschafft.

Überraschend ist, dass selten Gefühle nach außen auf den Leser übertragen werden. Ilka ist sehr verschlossen. Sie macht alle Probleme mit sich selbst aus, in ihrem Inneren und aufgrund dessen bleiben alle Gefühle im Buch versteckt. Sie dringen nicht wirklich an die Oberfläche. Nur selten wissen wir, was die Protagonisten fühlen. Die Geschichte verläuft daher doch recht ruhig, bis alles aus Ilka herausplatzt. In diesem Moment erreicht uns eine wahre Flut an Gefühlen und nicht nur Ilka muss sich ordnen.
"Vieles verwirrte sie in letzter Zeit. Irgendetwas an der Welt, wie sie sie kannte, hatte sich verschoben, und nun verstand sie nicht mehr, was für alle Menschen offensichtlich schien." – S. 438
Wir blicken in "Der Bilderwächter" auf mehrere neue Gesichter, abgesehen von den Tätern: Emilia und Hortense Ritter. Zwei Schwester, die seit ihrer Kindheit an alles geteilt haben und auch in ihrem hohen Alter noch zusammenwohnen. Sie sind etwas seltsam und ich konnte mich nicht wirklich in sie hineinversetzen. Sie passten nicht wirklich in die Welt von Jette und ihren Freunden. Ich hätte es besser gefunden, wenn ich auf alte Gesichter gestoßen wäre, zum Beispiel Jettes Mutter und ihr Freund Tilo. Die beiden habe ich in diesem Buch sehr vermisst. Band VI scheint anders aufgebaut zu sein, als Band I bis V. Er ist spannend, keine Frage, doch die Gefühle kommen nicht so bei dem Leser an, wie sonst. Das finde ich etwas schade.

~ Ich wünsche mir mehr Altes und weniger Neues. ~

Résumé:
"Der Bilderwächter" ist spannend, aber nicht so perfekt, wie die anderen Teile. Es gab zu viele Neuerungen auf einmal und Jette und Merle, die beiden Personen, die von Anfang an dabei waren, sind in den Hintergrund gerutscht. Dennoch hat mich die Geschichte an sich überzeigt und so vergebe ich noch 4 Lesezeichen.

Marie

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