27. Januar 2014

[Rezi] NOAH – Sebastian Fitzek

Titel: NOAH
Autor: Sebastian Fitzek
Verlag: Lübbe
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Thriller
Band: Einzelband
ISBN: 978-3-7857-2482-8
Lesevergnügen: 556 Seiten
Preis: 19,99€
Einband: Hardcover
Bewertung: 6 Lesezeichen

Erster Satz:
"Alicia wurde von der Stille geweckt."

Inhalt:
Als Noah in Berlin aufwacht, weiß er nichts mehr. Wie er dort hingekommen ist, wer er ist und weshalb er angeschossen wurde. Der einzige Hinweis ist eine Tätowierung auf seinem Handballen: Noah. Oscar, der ihn aufgelesen hat und ihn nun bei sich im Untergrund wohnen lässt, begleitet seinen Freund Noah auf der Suche nach Antworten um die halbe Welt, aber auch da bleiben ihnen die wesentlichen Dinge verborgen. Noahs Erinnerungen scheinen aus seinem Gehirn ausgelöscht, ausradiert. Immer wieder fallen ihm Fetzen ein, doch auch diese schaffen es nicht, die Wahrheit zu offenbaren. Eine Wahrheit, die über Leben und Tod entscheidet und den Beginn einer neuen Welt fordert.

Zur gleichen Zeit, viele Kilometer entfernt, in den USA, wird Jonathan Zaphire angeschossen. Während der Rede über die Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, zieht er zu viel Aufsehen auf sich und die Drohung, nur den Entwicklungsländern weiterhin zu helfen, löst Wut und Hass aus.

Auch Manila bleibt nicht verschont. In den Slums und Müllhalden bricht die Katastrophe aus: die Manila-Grippe. Der Impfstoff reicht nicht für alle. Die Dezimierung der Menschheit beginnt und greift auf alle Teile der Welt über.

Alle Stränge hängen zusammen und doch ist nur einigen wenigen der Zugriff auf die Wahrheit erlaubt. Die Bevölkerung wird im Dunkeln gelassen und während die Manila-Grippe zahlreiche Opfer fordert, sind Noah und Oscar auf der Suche nach der Wahrheit, nach der Ursache der Katastrophe.

Meine Meinung:
Noah ist mein erster Thriller von Sebastian Fitzek und ein wunderbares, gesellschaftskritisches Werk. Der Klappentext ist kurz, aber wirkungsvoll. Es weißt auf die Überbevölkerung und die immer größer werdende Ungleichheit zwischen Reichen und Armen hin. Dabei ist die Lektüre jedoch kein Sachbuch, sondern ein Unterhaltungsroman. Der Autor bringt wissenschaftliche Fakten in eine Geschichte ein und lässt diese zusammenwirken mit einer fiktiven Handlung und Charakteren.
"Während der Club of Rome eine demokratische, friedliebende und offen arbeitende Vereinigung ist, die mit ihren aufrüttelnden Prognosen auf einen Sinneswandel in der Bevölkerung abzielt, hat sich mit Room 17 eine radikale Geheimorganisation gebildet, die die Menschheit mit Gewalt auf ein verträgliches Maß reduzieren will." "Um wie viel?", fragte Noah [...]. "Die Hälfte", [...]." – S. 369
Die Hinweise des Autors auf die ungleiche Bevölkerung ruft in mir Mitgefühl und Scham hervor, denn wir verschließen uns vor der Wahrheit. Der Wahrheit, dass das Öl knapp und nicht mehr viele Jahre halten wird. Der Wahrheit, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Menschen dazwischen gibt es kaum noch. Entweder ist man reich, sodass man sich alles leisten kann, oder man ist arm und kann sich nichts leisten. Wir wissen um diese Missstände, und doch tun wir nichts dagegen. Politiker und andere wichtige Personen versuchen durch neue Gesetze und Erneuerungen die Schere zu schließen, doch wenn wir ganz ehrlich sind, bringt es nicht wirklich viel. Wir leben weiter wie bisher. Auch ich.
Dennoch mag ich dieses Buch. Schon alleine das Wissen um die Wahrheit der Welt macht mich sprachlos und lähmt mich. Ein Ohnmachtsgefühl habe ich auch bei Noah empfunden. Sebastian Fitzek weißt hin, beschuldigt aber nicht, denn er hat recht: "Ich [darf] diesen Roman [...] – auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte – keineswegs mit erhobenem Zeigefinger [schreiben]. Der Stein, den ich werfe, würde mich selbst als Ersten treffen."
Zur Geburt Jesu Christi lebten dreihundert Millionen Menschen auf unserem Planeten.
Heute sind es sieben Milliarden.
In jeder Minute kommen 156 weitere Menschen hinzu.
Sebastian Fitzek leitet uns nicht nur durch Noahs Vergangenheit, sondern auch in andere Gegenden der Welt. Zum einen nach Manila, auf die Philippinen, wo uns Alicia, Noel, Jay und Marlon begegnen, die in einem Slum leben und täglich im Müll nach Essen und anderen Gegenständen suchen, mithilfe dessen sie ihr Überleben sichern können. Die Manila-Grippe breitet sich auch hier aus und sie werden in ihren Slums eingesperrt, um keine Gefahr darzustellen.
Außerdem begleiten wir Jonathan Zaphire auf seiner Mission, die Menschheit zu dezimieren, in die USA und Rom. Die Tatsache, den Tod herbeizuführen durch die Manila-Grippe und nur einige wenige am Leben zu lassen, um damit eine neue Menschheit aufzubauen, bevölkert seinen Kopf. Eine solch radikale Entscheidung schockt mich und lässt mich eine gewisse Abscheu gegenüber dieses Protagonisten empfinden.
Der Grundbaustein, mit dem die Geschichte beginnt, aber ist Noah. Durch ihn erlebt der Leser die Lektüre aus einer "guten" Sicht. Auch Noah akzeptiert das Vorgehen nicht, dessen sich Zaphire bedient. Noah kann sich an nichts erinnern, wird aber trotzdem gejagt. Er erfährt vieles über sich, doch das Geheimnis um seine wahre Identität bleibt bis zum Schluss ein Geheimnis. Als Zaphire im offenbart, wer er ist und was er zu tun hat, ist Noah geschockt, entsetzt und nicht bereit, dieses Projekt zu leiten und zu einem Ende zu führen. Vielmehr möchte er das Projekt stoppen und die Menschen retten, die noch nicht mit dem Virus infiziert sind. Dafür muss er einiges über sich ergehen lassen, bis er am Ende vor der Wahl steht.

Aufwühlend und der Ohnmacht nahe erlebt der Leser eine Geschichte, die er nicht mehr weglegen kann und auch nicht mehr möchte. Ich habe nun das Gefühl, etwas tun zu müssen, um zu helfen.

Sebastian Fitzek erzählt eine unglaublich spannende und bewegende Geschichte, die bis in alle Einzelheiten perfekt durchdacht ist. Die Protagonisten haben alle eine Identität und auch Noah, der nicht weiß, wer er ist, bekommt ein Gesicht, welches sich im Laufe des Romans immer weiter ausbaut.
Die vielen Handlungsstränge laufen am Ende alle zusammen und lassen Noah zu etwas Gewaltigem werden. Die kurzen Kapitel ermöglichen dem Leser eine kurze Pause, in der er sich erholen kann, um dann mit voller Kraft weiterzugehen. Man liest sich in einen Rausch und wird dieses Buch bestimmt nicht vergessen.

Résumé:
Ein spannender Thriller mit sehr viel Tiefgang. Eine Geschichte über die Missstände der Gesellschaft. Ein Roman über die Kraft und die Stimmengewalt der Reichen.
Noah ist ein besonderer Roman, aber nicht für jeden Leser etwas. Wer nicht gerne einen gesellschaftskritischen Roman liest, der sollte von diesem Buch lieber die Finger lassen, aber für alle anderen wird es im wahrsten Sinne des Wortes die Welt verändern.
Für dieses Meisterwerk vergebe ich 6 Lesezeichen!

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