7. Dezember 2013

[Rezi] Wachstumsschmerz – Sarah Kuttner

Titel: Wachstumsschmerz
Autorin: Sarah Kuttner
Verlag: Fischer
Erscheinungsdatum: 2011
Genre: Lebensgeschichte
Band: Einzelband
ISBN: 978-3-10-042206-4
Seitenzahl: 281
Preis: 16,99€
Lesezeichenanzahl: 4 Lesezeichen

Erster Satz:
"Ein und aus und ein und aus und ein..."

Inhalt:
Quaterlife Crisis. Liebe. Traurigkeit. Enge. Spiel. Luise. Flo liebt Luise und Luise liebt Flo. Seit einem Jahr suchen sie eine gemeinsame Wohnung. Der Gedanke daran löst bei beiden Unbehagen aus, aber nun wollen sie endlich den Schritt wagen. Und eine gemeinsame Wohnung und Kinder bekommen muss ja nicht zwangsläufig zusammen hängen.
Sie beschließen erwachsen zu werden und ziehen in die neue Wohnung ein. Doch schon nach kurzer Zeit ist das Leben anders. Luise hat das Gefühl, ihr Leben und das Erwachsensein zu spielen. Alles scheint plötzlich anders zu sein: ihre Liebe zu Flo, ihr ganzes Leben. Da sind die Tage, an denen beide zur Arbeit gehen. Dann kommt Luise nach Hause, dann Flo und schon beginnt die Wir-Zeit. Sie machen alles zusammen und wenn Luise etwas anderes macht, wartet Flo einfach bis sie damit fertig ist. Sie fühlt sich engeengt und zweifelt an allem.
Sie beschließen sich eine Auszeit zu nehmen und verbringen vier Wochen getrennt voneinander. Als Luise sich nach zwei Wochen sicher ist, nicht ohne Flo leben zu können, scheint dieser aber andere Pläne zu haben.

Meine Meinung:
Sarah Kuttners Roman Wachstumsschmerz berührt, ist lustig, ernsthaft und klug erzählt. Sie berichtet von einem Leben ab dreißig und der Überforderung durch das längst überfällige Erwachsensein. Wie lebt man sein Leben, wenn sich plötzlich alle Regeln geändert zu haben scheinen und wenn die Liebe keine wirkliche Liebe mehr ist? Wie lebt man in einem heillosen Durcheinander des Lebens?
"Der Sommer vergeht und hinterlässt mir nur Mist. Als wenn er die guten Sachen heimlich in sein Handgepäck geschummelt hätte und damit auf dem Weg Richtung Süden wäre. Ich werde irgendwie weniger. Weniger nett, weniger geduldig, weniger glücklich, weniger alles." – S. 158
Wachstumsschmerz beschreibt die Geschichte zweier Menschen, Luise und Flo, die sich in ihrer Rolle als Erwachsene überhaupt nicht wohl fühlen, obwohl Luise eigentlich diejenige ist, die sich nicht wohl fühlt. "[Sie] ist immer so fixiert auf das, was noch fehlt. [...]" (Gisbert zu Knyphausen, "Spieglein, Spieglein"). Sie nimmt nur das wahr, was sie im Leben nicht hat und das scheint ihrer Ansicht nach viel zu viel zu sein. Sie hat ihren Freund Flo, der sie jedoch zu sehr in die Enge treibt. Sie hat einen Beruf als Herrenschneiderin, doch macht sie das wirklich glücklich? Beide geben sich Mühe, mit ihrem Leben klar zu kommen, doch dadurch geht noch viel mehr kaputt und Luise muss plötzlich ohne Flo leben.

Die Autorin berichtet ernst die Geschichte von Luise und Flo. Die Emotionen, die Luise erfährt, erfährt ebenso der Leser. Er kann sich mit Luise identifizieren. Er kann nachvollziehen, was in Luise vorgeht, wenn auch nicht immer hundertprozentig.
"Und auf der anderen Seite bin ich so schlecht im Loslassen. Ich kann auf Vergangenes nie zufrieden oder gar glücklich zurücksehen, ich empfinde immer Schmerzen dabei. Immer das qualvolle Gefühl von Verlust." – S. 99
Mit Flo kann man sich als Leser ebenfalls identifizieren, auch wenn er eine nicht so große Rolle spielt, wie Luise, dessen Geschichte es hauptsächlich ist.
 
Auch wenn ein auktorialer Erzähler den Roman wiedergibt, so scheint dem Leser, dass Luise selbst als Protagonistin die Handlung erzählt. Lediglich durch die wiederkehrende Namenserwähnung wird dieses Bild zerstört.

Wunderbar gefühlvoll und auch witzig lockert die Autorin die Geschichte und die Hommage an das Leben ab dreißig mit Textstellen wie diesen auf:
"Ich bin genervt: Gibt es für Wohnungsbesichtigungen nicht, wie für die meisten Lebenssituationen auch, eine Art moralischen Regelkatalog für das Verhalten vor und während der Besichtigung durch potentielle Nachmieter? Man sollte meinen, dass zumindest die Klassiker gelten wie: ein bisschen aufräumen, keine Schlüpfer rumliegen lassen und nicht kurz vor dem vereinbarten Termin kacken gehen, ohne zu lüften." – S. 11f.
Der Buchtitel passt sehr gut zur Handlung. Die Covergestaltung kann aber auch etwas anderes erwarten lassen, aber wenn man den Roman beendet hat, passt das Cover doch sehr gut in das Bild hinein, welches man von Luise erlangt.

Ernsthaft, gefühlvoll, lustig und klug hat Sarah Kuttner einen Roman geschrieben, den man so schnell nicht wieder vergisst.

Mein Fazit:
Ein wunderbar berührender Roman über das Leben. Emotionen garantiert und sehr empfehlenswert. ~ 4 Lesezeichen

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