20. November 2013

[Rezi] Die Landkarte der Zeit – Félix J. Palma

Titel: Die Landkarte der Zeit
Originaltitel: El mapa del tiempo
Autor: Félix J. Palma
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungsdatum: Dezember 2011
Genre: Zeitreisen
Band: Teil I
ISBN: 978-3-499-25319-5
Seitenzahl: 714 + Leseprobe Die Landkarte des Himmels
Preis: 9,99€

Erster Satz:
Los geht's, geehrter Leser, versenke dich in die ergreifenden Seiten unseres Büchleins, in welchem du Abenteuer findest, an die du nicht einmal im Traum gedacht hast.

Inhalt:
Andrew Harrington, ein wohlhabender Fabrikantensohn beschließt, sich umzubringen, da er sein Dasein ohne seine Geliebte Marie Kelly, eine Prostituierte, nicht mehr aushält.
Im Jahre 1888 trieb ein brutaler Mörder namens Jack the Ripper in den Straßen von Whitechapel sein Unwesen. Er suchte sich Prostituierte aus, denen er die Eingeweide herausschnitt und diese dann beiseite legte. Ein grausamer Tod, den auch Marie Kelly am 7. November des Jahres ereilte.
Acht lange Jahre irrte Andrew in Whitechapel herum und konnte seine Geliebte nicht vergessen, ebenso wie die Tatsache, dass er sie hätte retten können, hätte er ihr Appartement ein paar Minuten früher erreicht.
Sein Cousin Charles Winslow, mit dem er sich immer gut verstand, auch wenn sie sich unterschiedlich entwickelten, half ihm auch aus dieser Krise heraus, indem er, gerade als Andrew beschloss, den Abzug der Pistole zu drücken, an seiner Tür klopfte und ihm eine Broschüre über Zeitreisen in die Hand drückte. Charles versicherte ihm, er könne in die Vergangenheit reisen und seine Liebe vor Jack the Ripper retten.

Claire Haggerty dagegen ist frustriert vom viktorianischen London und möchte in die Zukunft reisen. Auch sie erhält eine Broschüre über Zeitreisen von der Firma Zeitreisen Murray. Darauf steht, es sei möglich, in die Zukunft des 20. Mai 2000 zu reisen und dort die Schlacht zwischen Menschen und Maschinen mit eigenen Augen zu sehen. Ganz London scheint an diesen Zeitreisen teilnehmen zu wollen und sie entwickelt einen Plan, sodass sie unentdeckt in der Zukunft bleiben kann.
Als der Tag der zweiten Zeitreise anbricht und die Fahrt endlich losgeht, ist sie fasziniert von dem Schauspiel, welches sich ihr bietet und setzt ihren Plan sogleich in die Tat um. Dabei trifft sie auf Hauptmann Derek Shackleton und verliebt sich in ihn, ungeahnt der Tatsache, dass diese Schlacht wirklich nur ein Schauspiel ist und sie gar nicht in die Zukunft gereist ist.
Derek Shackleton, eigentlich Tom Blunt, verliebt sich ebenfalls in Claire, spielt das Schauspiel jedoch bis zum Ende weiter.

Inspektor Garrett  jagt einen Mörder, der drei Menschen umgebracht hat und dabei eine Waffe benutzt hat, die noch gar nicht erfunden ist. Er weiß allerdings, dass Hauptmann Derek Shackleton eine solche besitzt,  im Kampf gegen den Maschinenmenschen Salomon.
Als Inspektor Garrett zu der Firma Zeitreisen Murray kommt, um drei Plätze zu resiervieren, damit dieser den Hauptmann bei der nächsten Zeitreise für das Verbrechen verhaften kann, läuft die Firma Gefahr mit ihrem Betrug aufzufliegen. Gilliam Murray zeiht dadurch widerwillig den Schriftsteller des Romans Die Zeitmaschine, Herbert George Wells, zu Rate und bittet ihn, den Fall zu lösen, bevor die nächste Reise in die Zukunft beginnt.

Alle Fäden der Geschichte laufen bei einem geheimnisvollen Bibliothekar zusammen, der das Geheimnis der Landkarte der Zeit kennt. Nun stellt sich heraus, ob und wie sich das Leben verändert.

Meine Meinung:
Zuerst war ich dem Roman gegenüber sehr skeptisch. Wenn der Klappentext lautet "[...] Andrew, ein wohlhabender Fabrikantensohn, reist in der Zeit zurück, um seine große Liebe vor Jack the Ripper zu retten. Claire, frustriert vom viktorianischen London, flieht dagegen in die Zukunft – und verliebt sich dort. Inspektor Garrett jagt einen Mörder, der mit Waffen tötet, die noch gar nicht erfunden wurden. [...].", dann hört sich das für mich sehr nach Fantasy an. Ein Roman, der sehr außergewöhnlich ist, ja, aber fernab der Realität.
Darum lag Die Landkarte der Zeit bereits zwei Jahre in meinem Bücherregal, bevor ich dazu bereit war, mich der Geschichte zu stellen.

Die Geschichte voller Wunder, wie sie angepriesen wird, teilt sich in drei Teile auf.
Der erste Teil befasst sich mit Andrew Harrington und seiner Liebe Marie Kelly, die grausam ermordet wird.
Der zweite Teil ist die Geschichte von Claire Haggerty, die das Leben im viktorianischen London satt hat und in der Zukunft ein neues Leben beginnen möchte, sich jedoch auf einer der Zeitreisen in den Hauptmann Derek Shackleton verliebt, der ihr auch in der Gegenwart begegnet.
Der dritte und letzte Teil beschäftigt sich grundlegend mit Inspektor Garrett, der drei Morde aufklären muss. Dabei laufen jedoch alle Teile der Geschichte zusammen und bilden ein Geflecht, welches sich zu einer Handlung zusammenschließt.

In einer auktorialen Erzählsituation berichtet der Erzähler die Geschichte. Er weiß also, wie das Geschehen verlaufen wird, schaltet sich in aber auch in einigen Passagen ein und weist auf die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft hin. Dadurch wird dem Leser deutlich gezeigt, dass er lediglich Beobachter ist. Aufgrund der Tatsache, dass sich der Erzähler nicht häufig einschaltet, merkt man als Leser jedoch auch, wie man mit der Geschichte verschmiltzt.

Die Charaktere sind mit einer eigenen Persönlichkeit ausgestattet, wodurch man sich leicht in diese hineinversetzen kann.
Neben Claire Haggerty, Andrew Harrington, Charles Winslow, Tom Blunt, Gilliam Murray, Inspektor Garrett und einigen anderen Protagonisten, findet sich in dieser Geschichte auch die Figur des Schriftstellers H. G. Wells wieder, der mir gleich symatisch erschien und auch in jedem der drei Teile eine Funktion besitzt. In meiner Rezension schreibe ich nicht hauptsächlich über ihn, da er die wichtigste Funktion hat, sozusagen der Ursprung des Geschehens ist. Es dreht sich um sein Werk Die Zeitmaschine. Er ist ein eher fröhlicher Mensch, hilfsbereit und doch auch ernst. Mit seiner Persönlichkeit hat er mich sofort in den Bann gezogen.

Der Autor verpackt die Geschichte über Zeitreisen sehr gefühlvoll und spannend. Zunächst steigt man abrupt in die Handlung ein und wird dann langsam an den Ursprung herangeführt, bis am Ende die Lösung des Rätsels aufgedeckt wird.
Mit zum Teil witzigen Textstellen lockert er das Ganze auf.
Gilliam jedoch gehörte zu diesen unersättlichen Lesern, die glaubten, gutes Schreiben sei so etwas, wie eine Hochzeitskutsche zu schmücken. Das Ergebnis war ein aufgeblasener Ton voll blumiger Wendungen, grotesker Bilder und lächerlicher Wortspiele, die einem in der Kehle steckenblieben. Als Wells auf der letzten Seite angekommen war, empfand er ästhetischen Brechreiz. – S. 449
Dass der Autor dieses Ergebnis erzeugt, kann man nicht gerade sagen. Die Landkarte der Zeit ist spannend, gefühlvoll, macht mich als Leser glücklich aber auch traurig und vor allem denkt man über die Handlung nach. Das Thema der Zeitreisen wird intensiv bearbeitet, wenn auch nicht immer ganz klar ist, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden sollen. Dabei hat Félix J. Palma jedoch einen ganz entscheidenden Hinweis geliefert:
Wir sind in einem Kreis gefangen [...] und wer kann sagen, wo ein Kreis seinen Anfang nimmt? – S. 422
Die gesamte Handlung des Romans ist ein Kreis. Der Leser weiß nicht, wo der Anfang und wo das Ende ist, doch immer mehr begreift er, dass das Buch eine komplizierte Verflechtung von mehreren Geschichten ist. Und tatsächlich: am Ende erfährt man, wie alles zusammenhängt.

Ich als Leser war häufig verwirrt, was die Zeitreisen nun anbelangt. Einerseits wird einem weißgemacht, das Zeitreisen wirklich machbar sind, aber dann kommt ein Punkt, an dem der Leser erfährt, dass alles nur ein Trick ist. Schlussendlich ist man doch davon überzeugt, dass die Reisen in diesem Roman Wirklichkeit sind und alles erlebte auch wirklich passiert ist und gar kein Trick war. Durch diese Tatsache konnte ich mich als Leser jedoch wunderbar in das Gefühlschaos der Protagonisten hineinversetzen.
Das macht die Handlung einzigartig und wirklich grandios.

Wahre Literatur musste den Leser rühren, schmerzen, seine Wahrnehmung der Dinge verändern, ihn mit
hartem Wurf in den Abgrund der Hellsichtigkeit stürzen. – S. 698

Mein Fazit:
Der Roman Die Landkarte der Zeit von Félix J. Palma erfüllt genau das. Diese Literatur rührt den Leser und er verändert seine Wahrnehmung. Die Handlung ist wunderbar und grandios verpackt. Es geht um Liebe, Freundschaft, Frust und Hass. Alles verbunden durch die Geschichten der Zeitreisen. Die witzige Art, mit der der Autor sein Werk auflockert kommt auch beim Leser gut an. Es ist keinesfalls langatmig, obgleich der 714 Seiten Lektüre.
Für alle Zeitreisefans und alle, die sich mit Zeitreisen noch nicht viel beschäftigt haben, ist das Buch genau das Richtige. Für ein Alter ab 18 druchaus geeignet, da die Handlung doch sehr kompliziert ist.
Auch wenn ich zwischendrin einige Male sehr verwirrt war, ist die Geschichte ein absolutes Muss und ein wirklich tolles Exemplar in der Büchersammlung.
Tolle Geschichte, tolle Charaktere und man kann gespannt auf den zweiten Teil sein ~ 6 Lesezeichen!

Kommentare:

Nazurka

Klingt wirklich gut. Ich will den Roman eh schon lange haben, und nach dem Fazit rutscht er höher auf meiner Wunschliste. :)

LG
Nazurka

Marie

Ja, ich kann dir dieses Buch wirklich empfehlen. Ein zweiter Teil ist bereits auch schon erschienen und den werde ich mir auch so bald wie möglich kaufen.

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