26. Oktober 2012

[Rezi] Der Schwarm – Frank Schätzing

Titel: Der Schwarm
Autor: Frank Schätzing
Verlag: Fischer
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Wissenschaft, Thriller
Band: Einzelband
ISBN: 978-3-596-16453-0
Lesevergnügen: 987 Seiten
Preis: 9,95€
Einband: Taschenbuch
Bewertung: 6 Lesezeichen

Beginn:
"An jenem Mittwoch erfüllte sich das Schicksal von Juan Narciso Ucañan, ohne dass die Welt Notiz davon nahm."

Inhalt:
Leon Anawak und Greywolf können sich bis auf den Tod nicht ausstehen und lassen von sich auch im Berufsleben nicht ab. Beide lieben das Meer und die dort lebenden Tiere, und doch geraten sie immer wieder aneinander. Meistens ist es ihnen dabei egal, wie viele Menschen dabei zuschauen.
Währenddessen geht mit den Walen entlang der Küste British Columbias eine seltsame Veränderung vor, und norwegische Forscher entdecken Organismen, die hunderte Quadratkilometer Meeresboden in Besitz genommen haben und das dort existierende Methan zerstören. Forscher und Experten nehmen sich der Sache an und schnell wird klar, dass es sich um eine Katastrophe handelt, die die gesamte Menschheit zerstören kann. Wale greifen auf einmal Menschen und tonnenschwere Schiffe an, eine riesengroße Flutwelle entsteht, die größer ist als die des Hurricain Catrina und zerstört alles, was ihr in den Weg kommt und das war noch lange nicht alles. Hunderte, Tausende, Millionen von Krebsen überrennen die Küsten und verseuchen alles und jeden durch eine sich in der Luft auflösende Gallerte mit der die Forscher ein weiteres Problem haben. In New York und Washington wird der Notstand ausgerufen. Niemand darf die Städte verlassen.
Die amerikanische Außenministerin Judith Li beruft eine Versammlung ein, in der viele Forscher und Experten ihr Wissen einbringen sollen um die Katastrophe zu verhindern, doch das ist leichter gesagt als getan. Auch Anawak und Greywolf sind mit von der Partie. Ebenso Li, der Biologie Sigur Johanson und viele andere. Sie alle wollen helfen, die Anomalien zu begreifen, denn bekämpfen – das erkennen sie schnell – können sie sie nicht. Es kommt die Frage auf, ob hinter den ganzen Vorfällen nicht eine Intelligenz stecken könnte, eine Intelligenz, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen mit allen Mitteln zu vernichten. Eine intelligente Rasse, die die Erde begreift wie sie ist und ihr das zurückgibt, was die Menschen ihr genommen haben. Die Wissenschaftler müssen einsehen, dass sie den Planeten nicht besitzen und auch niemals besitzen werden, denn diese "Yrr", wie sie sie nennen, machen ihren Anspruch auf die Welt geltend. Es sind Bakterien, Amöben, die sich seit Anbeginn der Zeit auf der Erde befinden, das Urgestein der Meere.
Zusammen versuchen sie, codierte Nachrichten zu schicken und sie erhalten auch eine Antwort, die jedoch ganz anders ausfällt als erwartet und die Crew auf eine harte Probe stellt, denn nicht alle Personen an Bord wollen eine friedliche Lösung finden. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Während die Katastrophen überall zunehmen, bleibt auch das Forschungsschiff der Wissenschaftler nicht verschont. Durch einen plötzlichen Angriff der Gallerte wird die Besatzung um einiges dezimiert und noch immer wissen sie nicht, womit sie es genau zu tun haben. Die Rede ist von einer "blauen Wolke", aber wie hängt alles zusammen? Als das Ziel zum Greifen nahe ist, läuft plötzlich alles aus dem Ruder...

Ort des Geschehens:
Der Schwarm spielt im Großen und Ganzen auf dem Meer, in den Tiefen des Ozeans. Dabei gibt es viele verschiedene Personen von unterschiedlichen Orten. Die Katastrophen finden überall gleichzeitig bzw. kurz hintereinander statt. Vor Vancouver Island, Kanada, in Trondheim, Norwegen, in Kiel, Deutschland. Dies sind hauptsächlich die Forschungsstationen. Der Showdown spielt sich auf dem offenen Meer ab, mitten auf dem Ozean.

Meine Meinung:
Frank Schätzing erzählt in seinem Buch meisterhaft einen Schachzug der Natur gegen die Menschen. Ein Roman, der das ganze Leben verändern kann, zum Guten oder zum Schlechten. Ich war geschockt nach der Lektüre. Das Ende ist so berauschend und spannend, dass ich es fast komplett in einem Zug beendet habe.
"Grell stand die Sonne über dem nordwestlichen Horizont. Sie würde nicht untergehen um diese Jahreszeit, nur gegen zwei Uhr morgens für wenige Minuten den Horizont berühren. Es war neun Uhr abends, als sie ihr Ziel erreichten, aber Anawak hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er sah auf die Plätze seiner Kindheit, und etwas Schweres schien von seiner Brust genommen. Akesuk hatte Recht gehabt. Sein Onkel hatte geschafft, was Anawak noch vor vierundzwanzig Stunden für unmöglich gehalten hätte. Er hat ihn heimgebracht." – S. 625
Der Thriller beginnt langsam und etwas zäh über die Protagonisten und die Umstände zu berichten – wie sind die Verhältnisse untereinander geklärt, wie stehen die Personen zueinander. Es ist anfangs nicht sehr einleuchtend, wer mit wem und was und der Prolog schafft ebenfalls eine Verwirrung mit der erst einmal klarzukommen ist. Nach den ersten hundert Seiten jedoch hat man sich bereits in die Geschichte hineingelesen und erkennt die Zusammenhänge der einzelnen Protagonisten. Jeder Forscher und jeder Wissenschaftler beschäftigt sich mit einem anderen Problem und nur langsam erfährt man, wie alles miteinander verknüpft ist. Die Wissenschaft an sich ist ein wahnsinnig komplexes Thema und das wird auch in Frank Schätzings Meisterleistung deutlich. Über die Meere ist im Allgemeinen wenig bekannt und genau das hat den Autor zu einem solchen Buch verleitet. Eine unglaubliche Wissenschaftsreportage.
"Hishuk ish ts' awalk. – Alles ist eins." – S. 309
"Der Schwarm" ist ein Buch, das wunderbar in das Jahr 2012 hineinpasst, wo ich die Lektüre zum ersten Mal gelesen habe. Das Jahr des Weltuntergangs... wer jedenfalls daran glaubt... Es berichtet nicht etwa von Vulkanausbrüchen, vom Erhitzen der Erde, vom Einschlag eines Meteoriten, nein, es berichtet von Anomalien, von Tieren, die wir auch kennen – Wale, Delphine, Krabben, Krebse, Hummer, Würmer. Aber dieser Roman bringt alles zusammen und das ist es, was es so besonders und so gut macht. Ein Schachzug, vollführt von der Natur gegen den Menschen in ihrer Vollkommenheit, so mag man denken, doch der Schluss sagt etwas anderes. Anomalien mit Biolumineszenz, die Menschen töten und nicht zu bremsen sind und wie gehen die Forscher an diese Sache heran? Die kommunizieren mit diesen Tieren durch codierte Nachrichten und während man das Buch liest, erscheint einem diese Entscheidung so abwegig und doch so logisch, dass man einfach selber davon überzeugt ist, dass es klappen könnte und es klappt, doch nicht ganz so, wie man es erwartet hätte – wie die Forscher es erwartet haben.
"Drei Stunden vergingen, bis die letzte Welle zurück ins Meer geflossen war. Dann rutschte der nördliche Kontinentalhang ab." – S. 434
Frank Schätzing vereint Freundschaft, Liebe, Wissenschaft und einen gewissen Humor in einem Thriller und es passt alles sehr gut zusammen. Sogar der Titel Der Schwarm passt so grandios. Es ist ein Schwarm, bestehend aus vielen einzelnen Puzzleteilen, die zusammengefügt werden müssen. Es lässt sich trennen und wieder zusammenfügen und dieses Gefühl hat man am Ende des Buches. Das Gefühl der Vollkommenheit und der Zusammengehörigkeit. Ein sehr gelungener Abschluss, den der Autor inszeniert.
"Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist." – S. 987
Am Ende des Buches spürt man eine Leere in sich. Man fragt sich, ob man selbst alles richtig macht im Umgang mit der Natur und ob man nicht anders handeln müsse, damit auch die folgenden Generationen auf der Erde leben können.
Man möchte das Ende wissen, möchte erfahren, das alles gut ausgeht, dass alle Menschen es schaffen, diese Katastrophe zu überleben und doch wird man enttäuscht. Die Guten sterben, ist es nicht immer so? Das zeichnet ein wunderbares Buch aus, sagen viel, aber ich fand es sehr schade und es hat mich traurig gemacht, dass die meisten Protagonisten gestorben sind, die ich in mein Herz geschlossen habe. Nur wenige haben die Katastrophen überlebt. Ich habe mich in diesem Buch geborgen gefühlt, aufgehoben. Es ist nicht nur ein wissenschaftlicher Thriller, es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Sie bleibt im Kopf, auch über Jahre hinweg. Man wird nicht wie erwartet umgeworfen von der Fülle wissenschaftlicher Aspekte, sondern durch den Roman geleitet, durch Gefühle wie Trauer, Schmerz, Liebe, Verlust, Vergessen, Erinnerung und Erfahrung. Das Buch bedeutet mir so viel und ich möchte es noch unzählige Male lesen und in die Geschichte der Anomalien des Meeres eintauchen.

Résumé:
Das Buch ist weltklasse und mehr als empfehlenswert. Wer es einmal liest, wird nicht mehr davon loskommen. Die Charakter sind grandios, die Geschichte ist fantastisch und alles passt perfekt zusammen. Der Autor lässt uns nicht mitten in der Handlung stehen, sondern leitet uns durch das gesamte Buch. Lest es unbedingt!!! 6 Lesezeichen

Marie

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